Erkenntnisse ...


(aus ca. 7 Jahren Selbsthilfearbeit am Thema)

Menschen mit einem ‚Erworbenen Hirnschaden’ stellen eine neuartige, moderne Kategorie von Behinderten dar, die bisher von der Infrastruktur im deutschen Gesundheits- und Behindertenwesen her noch keine eigenständige, ihren besonderen Bedürfnissen entsprechenden Nachsorge und Wiedereingliederung beanspruchen kann, weil diese nicht flächendeckend und regelhaft vorhanden sind, so wie das die seit langem speziell versorgten‚ geistig, psychisch, körperlich Behinderten sehr wohl können.

Der Grund für diese Unterversorgung liegt in der rasant fortschreitenden Intensivmedizin und im ständig effizienteren Rettungswesen während der letzten ca. 35 Jahre, zu denen die parallel notwendige flächendeckende Infrastruktur nicht entstanden ist.

Zurückbleibende Lähmungen sind die leicht erkennbaren und erfassbaren Folgen eines Erworbenen Hirnschadens, während die nicht sofort sichtbaren sog. kognitiven Ausfälle (meist die Folge von Frontalhirnschäden), manchmal anfangs sehr schwer zu bemerken und zu beurteilen sind.
Zu solchen verloren gegangenen Kompetenzen zählen: Merkfähigkeit, Konzentration, Ausdauer, Belastbarkeit, Antrieb, Motivation, Orientierung, Denkvermögen, Nachdenken, Logik, Vernunft, Abstraktionsvermögen, Relativierungsfähigkeit, Realitätssinn, Kritikfähigkeit, Krankheitseinsicht, adäquate Handlungsplanung, soziale Kompetenz.
Sie bedingen sich zum großen Teil gegenseitig, bauen aufeinander auf, schließen sich ein, sind aber im Gehirn nicht einzeln bzw. getrennt voneinander zu verorten.

Man muss sich vorstellen, dass Gesunde in diesem Zusammenhang alle solche für uns alltäglichen Fähigkeiten mit Ausdrücken belegt haben, welche das Gehirn selbst aber nicht kennt, sondern einfach in seiner früheren komplexen Unversehrtheit damit ‚normal’ arbeitete und funktionierte.

Die schwierige Aufgabe für Gesunde besteht darin, in die Situation von Menschen mit einem Erworbenem Hirnschaden hineinzuversetzen, damit sie verstehen, welche Auswirkungen der Verlust von gewissen Fähigkeiten auf Alltag und ggf. Arbeit des Betroffenen hat. Des Weiteren, um zu begreifen, dass bei den Betroffenen nicht etwa böse Absicht bzw. Simulation oder sogar simple Faulheit vorliegen. Ferner um Mittel und Wege zu finden, mit der Situation besser fertig zu werden, Ersatzstrategien und Therapien einzusetzen, die dazu dienen könnten, soviel wie möglich Normalität herzustellen. Wenn man einmal begriffen hat, in welcher frustrierenden Lage der Betroffene sich befindet, wird man auch ständig darüber nachdenken, ihm Erfolgserlebnisse zu verschaffen.

Eine der schwerwiegendsten Folgen eines Erworbenen Hirnschadens ist die Persönlichkeitsveränderung, die sich in vielen einzelnen im ‚normalen’ täglichen Leben unabdingbar vorausgesetzten und verlangten, jetzt aber verlorenen gegangenen Fähigkeiten ausdrückt.

Bei den so Betroffenen geht z.B. meistens das Vorstellungsvermögen verloren. Was das mit dem Betroffenen macht, das wiederum können Gesunde sich nicht vorstellen, so unvorstellbar ist so etwas! Es fehlt dann außerdem an Antrieb, Konzentration, Ausdauer, Belastbarkeit, Motivation, ggf. an Orientierung zur Zeit (Zeitgefühl), zum Ort, zur Person, an Krankheitseinsicht, sozialer Kompetenz, emotionaler Kontrolle. Dies in unterschiedlicher Intensität und Zusammensetzung.

Eine weitere, häufig betroffene fundamentale und komplexe Fähigkeit ist die gestörte Handlungsplanung. Denken Sie z.B. an den einfachen Vorgang des Kaffeekochens! Häufig eine fast unlösbare Aufgabe!

Das menschliche Gehirn ist unbeschreiblich in seiner wunderbaren Wirkungsweise; ein Großcomputer ist dagegen eine Eieruhr. Das Gehirn arbeitet während seiner aktiven Zeit immer am Optimum und mit voller Kraft. Es nutzt sich nicht ab, also sollten wir Gesunden es nach Kräften benutzen und nachdenken. Denken schadet dem Gehirn nicht! Es nutzt sich durch Denken keineswegs ab!

Auch das geschädigte Gehirn arbeitet immer an seinem aktuellen Optimum, allerdings sind einige ‚Leiterplatten’ oder ‚Chips’ zerstört, so dass nur das derzeit bestmögliche Programm unter Aussparung der geschädigten Areale gefahren wird. Die Unterbrechung von Verbindungen bewirkt, dass gewisse Fähigkeiten, die es früher gab, jetzt nicht mehr geleistet werden. Mangelhafte Merkfähigkeit, schlechtes Kurzzeitgedächtnis z.B. haben zur Folge, dass man nicht mehr wie früher lernen kann. Ohne eine sichere Basis von Merkfähigkeit kann der Betroffene die meisten beruflichen Tätigkeiten nicht mehr ausüben. Somit ist mit beruflicher Tätigkeit kein Einkommen zu erzielen.

In den geschädigten Gehirnen entsteht jeweils ein Situationseindruck, der mit dem in ‚gesunden’ Gehirnen, die das Gleiche erleben, nicht ‚kompatibel’ ist, aber auch nicht untereinander zu normieren ist.

Auch der Verlust des verständlichen Sprechens, ja sogar der Sprache selbst kann eine Folge des erworbenen Hirnschadens sein, wobei es darauf ankommt, wo im Gehirn die Nervenzellen und Nervenverbindungen abgestorben/zerstört sind. Lähmungen im Mund-, Rachenraum, der Lunge und der Luftröhre beeinflussen zusätzlich die Sprechfähigkeit.

Auch das Sehen kann ganz oder teilweise gestört sein. Gesichtsfeldausfälle haben erhebliche Auswirkungen auf die Bewegung im Raum bzw. das sichere Zugreifen auf Gegenstände, ja auf das Erfassen von Situationen. Es gibt therapeutische Methoden, hier u. U. Besserung zu erreichen.

Lähmungen an Körperseiten bzw. –teilen können zusätzlich Folgen eines Erworbenen Hirnschadens sein. Sie führen fast immer zu notwendigen Hilfsmitteln wie Schienen, Rollator, Rollstuhl, Pflegebett etc.

Spastik bleibt häufig als Folge von überwundenen Lähmungen übrig. Oft tritt auch Epilepsie in allen Varianten in unterschiedlicher Häufigkeit auf. Man nennt Epilepsie auch das Auftreten von Krampfanfällen.

Der sog. ‚hypoxische Hirnschaden’ bleibt zurück, wenn Wiederbelebung nach Herzstillstand, tödlichem Herzinfarkt, Ertrinkenstod, Rauchvergiftung, Drogenmissbrauch etc. mit Erfolg praktiziert worden ist. Die Erfahrung zeigt, dass die Dauer der Zeitspanne der Unterbrechung der Sauerstoffversorgung des Gehirns bis zur Wiederbelebung erhebliche Auswirkungen auf die zurückbleibenden kognitiven Defizite hat. Man kann beobachten, dass so geschädigte Menschen sehr wohl kognitive Ausfälle, seltener zusätzliche körperliche Defizite aufweisen. Man könnte meinen, dass das Gehirn bei Sauerstoffentzug wie‚ von der Hirnrinde her’ abstirbt, als wenn die lebenserhaltenden Grundfunktionen, die tiefer im Gehirn angelegt sind, mit der ‚eisernen Reserve’ an noch vorhandenem Sauerstoff solange wie möglich versorgt werden.

Jeder Fall eines Erworbenen Hirnschadens ist ein Unikat, weil die Möglichkeiten von denkbaren Schadensmustern bei den vielen Milliarden von Verbindungen unzählige sind. Was man allerdings in etwa einschätzen kann, sind die eingetretenen Defizitkomplexe, wenn man weiß, wo am Gehirn die Schädigung eingetreten ist. 

 

 

© Dorit Heinsohn - SHG Hirnverletzte   

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